Teilnehmer des Bürgerrates Demokratie gehen an einem Aufsteller mit dem Logo der Veranstaltung vorüber. 2 min
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Debatte um neue Bürgerbeteiligung Zwischen Hoffnung und Skepsis: Was Thüringens Bürgerrat leisten kann

29. April 2026, 05:00 Uhr

Thüringen setzt auf einen landesweiten Bürgerrat zum Thema "Frieden und Diplomatie". Das Projekt gilt manchen als demokratische Innovation, andere warnen vor enttäuschten Erwartungen und einem Konflikt mit der parlamentarischen Ordnung.

Deutschland im Frühling 2026: Während die Tage wieder wärmer werden, ist das politische Klima merklich abgekühlt. Gefühlt, sagen nicht wenige, ist es auf einem Tiefpunkt angelangt. Rau, wie ein eisiger Wintertag. Stammtischdiskussionen und Kommentarspalten lassen jedenfalls kaum einen Zweifel: Die gesellschaftliche Polarisierung hat zugenommen, und das Vertrauen in die politischen Institutionen ist unter Druck geraten.

Doch auch wenn das politische Klima wachstumsfeindlich zu sein scheint, etwas ist dann doch entstanden: der Ruf nach Veränderung. Konkret: nach neuen Formen der Teilhabe. Besonders in Ostdeutschland, geprägt durch die tiefgreifenden Umbrüche der Nachwendezeit, ist das Bedürfnis groß, wieder gehört und gesehen zu werden. Es ist die Gegenbewegung zu dem, was politisches Monitoring seit Jahren ausweist: das Gefühl, abgehängt zu sein. Das Gefühl, "von denen da oben" nicht gehört zu werden.

Ein politisches Projekt mit Signalwirkung

In diesem Klima hat Thüringen ein politisches Projekt gestartet: einen landesweiten Bürgerrat zum Thema "Frieden und Diplomatie". Dessen postulierter Rahmen überrascht schon allein deshalb, weil er die festgelegten Möglichkeiten einer Landespolitik übersteigt. Ein Umstand, der dem BSW in Thüringen bewusst gewesen sein dürfte.

Trotzdem haben die Links-Konservativen das Einsetzen genau dieses Bürgerrats zur Bedingung für den Einstieg in die Brombeer-Koalition gemacht. Dass die BSW-Initiatoren jetzt, da sich der Rat konstituiert hat, von einem "Meilenstein" und einem "ersten Schritt in Richtung direkter Demokratie" sprechen, ist daher nachvollziehbar. Doch während das BSW vom Gegengift zur Polarisierung spricht, warnen andere vor einem riskanten Spiel mit der parlamentarischen Autorität.

Was also kann er bringen: ein Bürgerrat mit weltpolitischem Antlitz, dessen Befugnisse und Verbindlichkeiten arg eingeschränkt sind? Immerhin: Es gibt hinreichend Erfahrungen in Deutschland mit der Arbeit solcher Gremien.

Der Bürgerrat als geschützter Raum

Der Politikwissenschaftler Detlef Sack sieht in Bürgerräten vor allem eine Chance, der heute oft durch Algorithmen in sozialen Medien befeuerten, polarisierten Kommunikation etwas entgegenzusetzen. Er bezeichnet das Format als "Gegengift zu einer Trigger-Debatte". Im Gegensatz zu flüchtigen Interaktionen im Internet schaffe der Bürgerrat eine reale Interaktion unter Anwesenden, die ihre Positionen direkt begründen müssen. Dadurch werden individuelle Motive für Einstellungen erkennbar, und die oft in politischen Debatten verlorengegangenen "Grautöne" können wieder herausgearbeitet werden.

Prof. Dr. Detlef Sack, Politikwissenschaftler, Universität Wuppertal
Prof. Detlef Sack, Politikwissenschaftler, Universität Wuppertal. Bildrechte: Friederike von Heyde

Auch Bürgerrat-Expertin Antje Grobe, die den Thüringer Prozess begleitet, betont den Wert des Thüringer Politikprojekts. Es gehe darum, dass Menschen sich wieder "richtig zuhören" und differenziert in komplexe Themen einarbeiten, statt in pauschalen Polarisierungen zu verharren.

Dr. Antje Grobe, Moderatorin des Thüringer Bürgerrats "Frieden und Diplomatie"
Dr. Antje Grobe, Moderatorin des Thüringer Bürgerrats "Frieden und Diplomatie". Bildrechte: Antje Grobe

Frieden im Großen, Alltag im Kleinen

In Thüringen wurde das Thema "Frieden und Diplomatie" dabei bewusst weit gefasst. Es geht nicht allein um große Außenpolitik, die ein Bundesland kaum direkt beeinflussen kann, sondern um den "inneren Frieden" und das Miteinander im Kleinen.

Was damit gemeint ist, war gut zu beobachten, als die Thüringer Bürgerräte das erste Mal zusammenkamen. Denn neben den Klassikern der aktuellen Friedensdebatte – Ukraine, Russland, Israel, der Nahe Osten und die NATO – waren es ganz lebensnahe Themen, die von den Teilnehmern ebenfalls als relevant, wenn nicht sogar als relevanter, für den gesellschaftlichen Frieden eingestuft wurden: Wirtschaft, Tourismus und Infrastruktur statt Waffen, Terror und Intervention.

Oder anders ausgedrückt: Das BSW hat den Titel des Bürgerrats gewählt. Worüber dann letztlich diskutiert wird, entscheiden die Teilnehmer. Gut möglich also, dass die Debatte im Rat deutlich realpolitischer verläuft als vermutet.

Die Mechanik der Repräsentativität

Ein zentrales Versprechen von Bürgerräten ist das Ideal des "Mini-Public" – eine Versammlung, die die Gesellschaft im Kleinen so exakt wie möglich abbildet. Um dies zu erreichen, wird ein hochkomplexer, mehrstufiger Auswahlprozess angewandt.

In Thüringen wurden aus 10.000 zufällig aus den Einwohnermelderegistern gezogenen Bürgern letztlich 200 Teilnehmende ausgewählt. Die Auswahl erfolgte mittels eines speziellen Losverfahrens, bei dem soziodemografische Merkmale wie Alter, Geschlecht, Bildungsabschluss und regionale Herkunft gewichtet werden, um eine Übereinstimmung mit der Bevölkerungsstatistik zu sichern.

Grenzen des Losverfahrens

Trotz dieser methodischen Strenge bleibt die Repräsentativität eine Herausforderung. In Thüringen lag die Rückmeldequote bei lediglich 6 Prozent. Antje Grobe bewertet das zwar als guten Wert, räumt jedoch ein, dass Menschen mit höherem Bildungsgrad tendenziell eher bereit sind, sich zurückzumelden.

Kritiker bemängeln daher eine soziale Verzerrung, da politisch bereits Aktive und Gutgebildete überrepräsentiert bleiben könnten, während "stille Gruppen" trotz Losglück fernbleiben.

Gernot Süßmuth (BSW) warnt in diesem Zusammenhang vor einer "paternalistischen Haltung", bei der Bürger nur erwarten, dass "die da oben" alles richten, anstatt die angebotenen Möglichkeiten der Teilhabe aktiv zu nutzen.

Gernot Süßmuth spricht auf einer Pressekonferenz.
Gernot Süßmuth, BSW-Co-Landesvorsitzender Thüringen. Bildrechte: picture alliance/dpa | Jacob Schröter

Zwischen Beratung und parlamentarischer Macht

Die politische Kontroverse um Bürgerräte entzündet sich vor allem an der Frage ihrer Wirksamkeit und Legitimation. Ein markanter Einschnitt auf Bundesebene war die Entscheidung von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, die Stabsstelle Bürgerräte aufzulösen. Die Sorge: Geloste, nicht gewählte Gremien könnten die Autorität des Parlaments schwächen.

Detlef Sack hält dagegen, dass Bürgerräte explizit als Ergänzungsgremien ohne eigene Entscheidungsgewalt konzipiert sind. Sie sollen beraten, nicht entscheiden.

Das Risiko enttäuschter Erwartungen

Für die Beteiligten birgt diese Unverbindlichkeit jedoch das Risiko von Frustration. Wenn Empfehlungen mühevoller Sitzungen ohne Resonanz in der Politik "in der Schublade" verschwinden, kann dies die Politikverdrossenheit eher verstärken als abbauen.

In Thüringen wird daher intensiv über das Erwartungsmanagement diskutiert. Gernot Süßmuth zeigt sich hierbei mutig: Er schließt nicht aus, dass aus vernünftig formulierten Bürgervorschlägen am Ende echte Gesetzesvorlagen werden könnten. Sollten die Ergebnisse frontal gegen den aktuellen Regierungskurs stehen, sieht er darin einen "deutlichen Fingerzeig", über den die Politik ernsthaft nachdenken müsse.

Ein Blick in die Zukunft der Mitbestimmung

Haben wir es bei Bürgerräten mit einer echten Demokratisierung zu tun oder mit einem riskanten Spiel, das am Ende nur die Erwartungen enttäuscht?

Die Erfahrungen mit dem ersten Bürgerrat des Bundestages zum Thema "Ernährung im Wandel" zeigen, dass Politiker von der Ernsthaftigkeit und Qualität der Bürgerberatungen beeindruckt sein können. Dennoch bleibt die finanzielle Belastung für Kommunen und Länder erheblich – allein für Thüringen sind für den aktuellen Bürgerrat im Doppelhaushalt 250.000 Euro vorgesehen.

Ob Bürgerräte dauerhaft Bestand haben, wird davon abhängen, ob es gelingt, sie rechtlich sicher zu verankern und den Transfer der Ergebnisse in die reale Politik verbindlicher zu gestalten. In Thüringen wird der Abschlussbericht mit konkreten Empfehlungen im Herbst 2027 erwartet.

Über das Risiko der Mitbestimmung, die Macht des Loses und die Frage, wie viel Bürgerwille das Parlament verträgt, diskutieren wir in der nächsten Ausgabe von FAKT IST! aus Erfurt. Zu Gast sind Dr. Antje Grobe, Prof. Detlef Sack und Gernot Süßmuth.

Zu sehen ist Fakt ist! aus Erfurt am Mittwochabend ab 20:15 Uhr im Livestream auf MDR.DE oder ab 20:45 Uhr im MDR FERNSEHEN.

MDR (dkn)

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Fakt Ist! aus Erfurt | 29. April 2026 | 20:45 Uhr

4 Kommentare

Ede58 vor 12 Minuten

@MalNachdenken
Wenn nur 600 eine Rückmeldung geben, muss man davon ausgehen, die anderen seinen zufrieden und glücklich oder haben schlicht keine Lust oder Ressourcen sich an politischen Debatten zu beteiligen.?!🤔
Wie wollen Sie die schweigende Mehrheit anders erreichen?

Gurg vor 13 Minuten

Auf den ersten Blick sieht das nach sinnvoller Beteiligung aus. Genau betrachtet ist es aber doch problematisch.

Zunächst ist es PR des BSW, welches eigentlich autoritär strukturiert und orientiert, letztlich Stalinismus und Putinismus mit ein paar populistischen Parolen verknüpft.

Der Bürgerrat ist weder repräsentativ im Sinne der Parteiendemokratie noch im Sinne der Zusammensetzung der Bevölkerung.

Das Thema „Frieden“ ins Zentrum zu stellen, mit Infrastruktur und anderen Themen zu verknüpfen, zeigt, dass es eher um Nebelkerzen und Zersetzung im Sinne des Freundes in Moskau geht, als um wirkliche Problemlösung.

MalNachdenken vor 31 Minuten

Ich stimme Ihnen weitestgehend zu, nur bei "bekommen die gewählten Politiker:innen so ungefiltert Volkes Meinung frei Haus geliefert!" nicht unbedingt.
Wenn nur 600 Rückmeldungen kamen, von denen ein Drittel dann ausgelost wurde, ist es dann wirklich "Volkes Meinung"? Die Bedenken der Kritiker am Losverfahren teile ich, vor allem wegen der geringen Rückmeldungsquote.
Trotzdem: Mit der weiter gefassten Rolle von 'Frieden und Diplomatie' kann ich mehr anfangen, als es zunächst den Anschein hatte.
Bleibt die Hoffnung, dass es nicht so endet wie beim Bürgerrat 'Ernährung im Wandel', dessen Ergebnisse dann doch weitgehend ignoriert wurden...

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