Extremwetter: Warum manche Städte in SH besser vorbereitet sind

Stand: 11.06.2026 11:51 Uhr

Das Klima verändert sich, Hitze oder Starkregen werden häufiger und stärker. Um sich daran anzupassen, muss viel passieren. Auf Straßen, in Häusern und in der Gesellschaft. Pinneberg ist ein Vorbild.

von Lisa Pandelaki

August 2022 in Pinneberg. Der Monat war heiß und trocken. Am 26. August zieht sich der Himmel am Vormittag zu und dann geht alles ganz schnell: Innerhalb weniger Minuten kommt punktuell so viel Niederschlag runter, dass Straßen überschwemmen und Keller volllaufen.

Starkregen rüttelte Pinneberg wach

Im Krankenhaus stehen die Transformatoren für den Strom kurz vor dem Untergang. Die Feuerwehr ruft alle Kräfte in den Einsatz und bittet umliegende Wehren um Hilfe. Das Telefonaufkommen ist so hoch, dass sie gar nicht mehr hinterher kommen. Rund 150 Kräfte von Feuerwehr und THW sind im Einsatz. Ein Ereignis, das die Stadt wachgerüttelt hat.

Dunkle Wolken über den Dächern einer Stadt.

GDV warnt: Nicht einmal die Hälfte aller Wohngebäude in Schleswig-Holstein gegen Starkregen und Überschwemmungen versichert

Die Temperaturen steigen

Denn das, was in Pinneberg vor rund vier Jahren passiert ist, war kein einmaliges Ereignis. Die Jahresdurchschnittstemperatur in Schleswig-Holstein ist nach Angaben des Klimareports Schleswig-Holstein zwischen 1881 und 2023 um 1,6 Grad Celsius gestiegen. Die Auswirkungen zeigen sich in Starkregen, Sturmfluten, Überschwemmungen und Hitzewellen.

Klimaneutral bis 2040?

Um dem entgegenzuwirken oder es zumindest zu verlangsamen, strebt Schleswig-Holstein bis 2040 die Klimaneutralität an. Doch gleichzeitig müssen Städte und Kommunen auf das veränderte Klima und die Starkwetter-Ereignisse reagieren.

Bis Juni 2029 sind alle Kreise und kreisfreien Städte in Schleswig-Holstein verpflichtet, Konzepte zur Klimaanpassung vorzulegen. Mit dieser Vorgabe setzt die Landesregierung die Regelungen aus dem Klimaanpassungsgesetz des Bundes von 2023 um.

Das Zementwerk von Holcim in Lägerdorf in Schleswig-Holstein.

Schleswig-Holstein will es weiterhin schaffen, 2040 klimaneutral zu sein und startet eine Bundesratsinitiative.

Pinneberg als Blaupause für kleinere Städte und Gemeinden

Die Stadt Pinneberg müsste eigentlich kein eigenes Konzept entwickeln, tut es aber trotzdem. "Wir schauen uns die gesamte Stadt an und schauen, an welcher Stelle haben wir eigentlich was für Temperaturgegebenheiten", erklärt Milan Bogojevic von der Stabstelle für klimagerechte und nachhaltige Stadtentwicklung Pinneberg.

Ein Mann mit Brille steht vor der Kamera.
Milan Bogojevic ist Klimamanager der Stadt Pinneberg.

In der Innenstadt staut sich die Hitze im Sommer und durch den hohen Versiegelungsgrad ist das Gebiet anfällig für Überschwemmungen. Um das zu ändern, wird aktuell an der Ebertpassage gebaut.

Versiegelte Flächen aufbrechen

Oberflächlich entsteht ein verkehrsberuhigter Bereich mit Baum- und Pflanzeninseln und beschatteten Sitzbänken. Doch die Veränderung ist tiefgreifender: Die Pflanzeninseln brechen versiegelten Flächen auf, nehmen Regenwasser auf. Das wird unter der Oberfläche in Rigolen gesammelt und bewässert die Bäume. Neue Parkplätze sehen versiegelt aus, lassen Regenwasser aber tatsächlich durch.

Frau in der Mittagshitze

Im neuen Hitze-Check der Deutschen Umwelthilfe ist die Landeshauptstadt Spitzenreiter. Obwohl die Zahl der Bäume sinkt.

Das Schwammstadt-Prinzip

Eine Person geht an einer Baustelle in einer Stadt vorbei.
Pinneberg möchte Schwammstadt werden und geht dabei die ersten Schritte.

Schwammstadt ist der Fachbegriff für diese Maßnahmen: Teile der Stadt sollen Regen wie ein Schwamm aufnehmen können. Ohne die Stadt zu überschwemmen, aber auch ohne dass das Wasser nutzlos in der Kanalisation verschwindet. In Hitze- und Trockenperioden sorgt die Verdunstung aus den entsiegelten Flächen für Kühlung.

Städte oft weiter als kleinere Kommunen

Doch so weit wie Pinneberg ist noch nicht jede Kommune in Schleswig-Holstein. "Ich glaube, dass die Kommunen, Städte, Kreise doch relativ unterschiedlich aufgestellt sind, sowohl was das Institutionelle anbelangt als auch die Frage, wie die Dringlichkeit gesehen wird", bewertet Humangeographin Silja Klepp von der Uni Kiel. Größere Städte seien schon recht weit und setzten bereits Maßnahmen um, weil dort das Bewusstsein für Klimaveränderungen größer sei.

In anderen Kreisen und Kommunen hänge viel an ehrenamtlichen Entscheiderinnen und Entscheidern. Fast überall gibt es schon Konzepte oder es wird an ihnen gearbeitet. Doch die Maßnahmen dann auch umzusetzen, ist noch einmal eine andere Nummer. Diese Auffassung unterstützt auch das bundesweit agierende Zentrum KlimaAnpassung. Was oft fehle, seien nicht die Mittel, sondern das Wissen, die Beratung und der politische Anstoß.

Es ist nicht mehr zu übersehen: Der Norden verändert sich mit dem Klima. Was bedeutet das für die Bewohner an der Nordseeküste und im Hinterland?

#wetterextrem ist eine mehrteilige NDR-Serie über den Klimawandel aus dem Jahr 2019. Die erste Folge zeigt Auswirkungen, die der Klimawandel bereits jetzt schon auf das Leben in Deutschland hat.

Klimaanpassung ist ein gesamtgesellschaftliches Projekt

Dass es nicht überall so schnell vorangeht wie in Kiel, Lübeck oder Pinneberg liegt aus Sicht der Kieler Forscherin Silja Klepp daran, dass Klimaanpassung kein Feld allein für Ingenieurs- oder Naturwissenschaftler ist. Es sei ein soziales und kulturelles, ein gesellschaftliches Thema.

Eine Frau (r.) und ein Mann (l.) unterhalten sich an der Kiellinie.
Humangeographin Silja Klepp forscht seit 15 Jahren zur Klimaanpassung.

Zwar können auch schon einzelne Projekte lokal etwas bewirken, doch damit hört es nicht auf. "Es kommt nicht nur auf die Stadt an, sondern auch auf die Menschen und die Eigentümer der Immobilien", unterstreicht auch Bogojevic. Wenn es um die Bepflanzung von Vorgärten, Haus- und Garagendächern gehe, seien die jeweiligen Besitzer gefragt.

Verschiedene Ebenen müssen zusammenarbeiten

Und es geht noch weiter: Altenheime brauchen zum Beispiel besonderen Hitzeschutz. Menschen auf engem Wohnraum oder ohne Garten brauchen Zugang zu kühleren Bereichen. Das Gesundheitssystem muss sich auf Hitze-Notfälle einstellen, die Landwirtschaft auf Trockenheit. Stadtviertel müssen sich für Notfälle miteinander vernetzen.

"Klimaanpassung wirkt wie ein Netz: Es muss auf mehreren Ebenen gleichzeitig geknüpft werden", erklärt Martina Müller vom Zentrum KlimaAnpassung. Ohne das Zusammenspiel der Ebenen bleibe Klimaanpassung Flickwerk.

Bürger müssen mitgenommen werden

Dazu kommen Flächenkonkurrenz, Generationenkonflikte und dass nicht jeder gleich stark von den Klimaveränderungen betroffen sein wird - manchmal allein schon aufgrund großzügiger oder eben beschränkter Wohnmöglichkeit.

Um Klimaanpassungsmaßnahmen umzusetzen, müssen politische Institutionen und die Gesellschaft zusammenarbeiten. In Pinneberg entsteht deshalb ein Bürgerrat. 1.500 Personen, die die Stadtbewohner repräsentieren, beraten mit den gewählten Vertretern, welche Maßnahmen die richtigen sind und von der Bevölkerung mitgetragen werden.

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Trockenperioden, Hitze und andere Extremwetterlagen machen Pflanzen zu schaffen. Im Kreis Pinneberg wird nach Lösungen gesucht.

Klimaschutz: Die Frage nach den Kosten

Doch neben allem Wissen und Bemühungen um gesellschaftlichen Konsens ist da immer noch die Frage der Finanzierung. "Es geht vor allen Dingen darum, dort, wo wir ohnehin etwas tun müssen, Klimaanpassung und Klimaschutz mitzudenken, erklärt Bogojevic den Plan für Pinneberg. Dadurch brauche man nicht mehr Mittel, sondern eine andere Planung. Auf Fördermittel vom Bund seien sie trotzdem angewiesen.

"Wir müssen sie uns jetzt leisten, weil es schon in sehr, sehr naher Zukunft, sonst viel, viel, viel teurer wird", sagt Klepp auf die Frage, ob wir uns die Klimaanpassungen überhaupt leisten können. Denn die Kosten für ständige Reparaturen und Instandsetzungen übersteigen die Kosten für die Klimaanpassungen um ein vielfaches.

Klimaanpassung als Stärkung der Demokratie

Einen festen Zeitrahmen, wann die Maßnahmen umgesetzt sein sollten, kann und will Klepp nicht nennen. Die Zeit drängt. Doch wir sollten uns nicht von dieser Dringlichkeit treiben lassen, rät sie. Viel wichtiger sei es, die Gesellschaft mitzunehmen. Denn eine klimaangepasste Stadt - eine Stadt der Zukunft - bringt am Ende mehr als nur eine bessere Anpassung an das meteorologische Klima.

"Wir sehen eine Stadt, wo die Communities sehr gut funktionieren, die als Teile und auch als ganzer Staat gut organisiert sind, die zusammenarbeiten an einer fairen Klimawandelanpassung. Wenn wir gut organisiert sind und alle mitnehmen auf Community-Ebenen. Dann sind wir ja eine bunte und auch gerechtere Gesellschaft, die auf der Ebene der Kommune und des Landes zum Beispiel sehr, sehr viel gewinnt. Wir stärken Demokratie", so Klepp.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 11.06.2026 | 08:00 Uhr

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