Erster Bürgerrat in Hamburg

Hamburg war lange das letzte Bundesland, in dem noch nie ein Bürgerrat stattgefunden hat. Das hat sich 2026 geändert.

Im Hamburger Stadtteil Blankenese soll die Aufenthalts- und Wohnqualität verbessert und gleichzeitig eine Belebung des Ortskerns erreicht werden. Eine zentrale Stellschraube dafür ist die Mobilität in und rund um den Ortskern.

24 Bürgerrat-Mitglieder

Um diese Themen aus der Perspektive der Bürgerinnen und Bürger zu beleuchten, hatte das Bezirksamt Altona einen Bürgerrat eingesetzt. Dabei hatten 24 zufällig ausgewählte Einwohnerinnen und Einwohner aus Blankenese und den benachbarten Stadtteilen in drei Sitzungen Szenarien und Empfehlungen zur künftigen Mobilitätsentwicklung in Blankenese erarbeitet.

Im Februar 2026 fanden drei Bürgerrat-Sitzungen statt, in denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Herausforderungen, Chancen und Konflikte rund um die Mobilität im Blankeneser Ortskern diskutiert hatten. Die Themen reichten von Rad- und Fußverkehr über den öffentlichen Nahverkehr bis hin zu Parkraummanagement und Aufenthaltsqualität. Die Bürgerrat-Mitglieder konnten eigene Schwerpunkte setzen. Sie haben gemeinsam konkrete Szenarien und Maßnahmenvorschläge entwickelt.

Begleitende Jugendbeteiligung

Zusätzlich fand eine begleitende Jugendbeteiligung statt. Diese erfolgte durch Workshops mit Schulklassen, in denen Jugendliche eigene Perspektiven zur Mobilität im Blankeneser Ortskern entwickelt haben. Eine Delegation der Jugendlichen konnte die Ergebnisse der Jugendbeteiligung in den Bürgerrat einbringen und später im Verfahren noch einmal überprüfen.

Vier Leitziele für Blankenese

Der Bürgerrat Blankenese hat vier zentrale Leitziele für den Ortskern des Stadtteils erarbeitet und formuliert:

- Bahnhof als sicherer Mobilitätshub: Der Bahnhof Blankenese und sein Umfeld sollen übersichtlich und barrierefrei für alle Verkehrsarten gestaltet werden. Dazu gehören markierte Parkflächen für E-Roller, eine Kiss & Ride-Zone für PKW und mehr sichere Fahrradabstellplätze.

- Attraktiver Ortskern mit hoher Aufenthaltsqualität: Die Bahnhofstraße und der Marktplatz sollen lebenswerter werden. Vorgeschlagen werden unter anderem mehr Sitzgelegenheiten, zusätzliche Bäume und eine multifunktionale Nutzung des Marktplatzes – etwa für Konzerte, Feste oder Außengastronomie.

- Reduzierung des Autoverkehrs und Förderung alternativer Mobilität: Der Bürgerrat empfiehlt, den Durchgangsverkehr zu verringern, das Parkraummanagement zu verbessern und Sharing-Angebote wie Car-Sharing und StadtRad auszubauen. Auch eine neue Bushaltestelle für den Schülerverkehr wurde angeregt.

- Bessere Rad- und Fußwege: Die Infrastruktur für Rad- und Fußverkehr soll sicherer und komfortabler werden. Dazu zählen zusätzliche Fahrradboxen, eine StadtRAD-Station am Bahnhof und optimierte Ampelschaltungen für Fußgängerinnen und Fußgänger.

Ergebnisse in Bezirksverordnetenversammlung vorgestellt

Nach Abschluss des Bürgerrates wurde dessen Bürgergutachten am 1. Juni 2026 im Mobilitätsausschuss der Bezirksverordnetenversammlung Altona vorgestellt. Politik und Verwaltung prüfen die entwickelten Vorschläge auf Machbarkeit und mögliche Umsetzung.

Die erarbeiteten Empfehlungen sollen mit Blick auf die veränderten Mobilitätsanforderungen dazu dienen, die Aufenthalts- und Wohnqualität in Blankenese zu verbessern und gleichzeitig zu einer Belebung des Ortskerns führen.

Geteilte Meinungen

„Mit dem ersten Bürgerrat dieser Stadt haben wir ein echtes Pilotprojekt auf den Weg gebracht – einen bislang einzigartigen Beteiligungsprozess, wie es ihn in Hamburg so noch nicht gegeben hat“, sagt Dr. Sebastian Kloth, Bezirksamtsleiter in Altona. Der Bürgerrat habe aktiv dazu beigetragen, den Ortskern zukunftsfähig zu gestalten und die Bedürfnisse sowie Wünsche der Menschen vor Ort sichtbar zu machen.

Während man im Bezirksamt also stolz auf den ersten Hamburger Bürgerrat ist, kommt aus der Blankeneser Interessengemeinschaft von Geschäftsleuten und Ärztinnen und Ärzten (B.I.G.) Kritik. Grund: Der Bürgerrat empfiehlt, die Blankeneser Bahnhofstraße und/oder die Propst-Paulsen-Straße probeweise für den Autoverkehr zu sperren. Die Interessengemeinschaft lehnt den Plan ab. Sie fürchtet den Verlust von Kundinnen und Kunden und entsprechende Umsatzeinbußen.

B.I.G. nicht in Verfahren einbezogen

Viele ältere Leute würden die Arztpraxen und Geschäfte besuchen, aber bis zu 100 Parkplätze seien dann nicht erreichbar, sagte der B.I.G-Vorsitzende Oliver Diezmann. "Ein kurzfristiger Verkehrsversuch ist wie eine Herz-Operation ohne Betäubung." Blankenese habe eines der wenigen Ortszentren ohne Leerstand - auch wegen der älteren Kundschaft. Diezman schlägt voran, in Ruhe Ausweichparkplätze zu suchen - aber nicht ad hoc. Die B.I.G. wurde nach eigenen Angaben nicht in das Bürgerrat-Verfahren einbezogen.

Generell begrüßt die B.I.G. jedoch die Ideen des Bürgerrates. Es gibt Zustimmung zu einzelnen Punkten wie zur Forderung einer Bushaltestelle vor den Schulen, einer stärkeren Nutzung des Marktplatzes oder für feste Parkzonen für E-Scooter. Auch der Gedanke einer Fußgängerzone in der Bahnhofstraße wird nicht grundsätzlich abgelehnt. Nur sei dazu eine gemeinsame Planung und ein angemessener Zeitraum für eine eventuell mögliche Umsetzung notwendig.

Eine Bürgerrat-Teilnehmerin zog auf Anfrage des Hamburger Abendblattes eine eher positive Bilanz, sagte aber auch: "Ein Bürgerrat kann viel mehr, als er gezeigt hat. Er lebt davon, wie viel Input es gibt und inwieweit vertiefende Diskussionen möglich sind."

Koalitionsvereinbarung zu Bürgerräten

Grundlage des Bürgerrates in Blankenese ist eine Koalitionsvereinbarung von SPD und Grünen in Hamburg. Nach der Hamburger Bürgerschaftswahl im Jahr 2025 hatten die beiden Parteien sich zum Ziel gesetzt, „die Zufallsauswahl von Bürgerinnen und Bürgern bei thematisch und zeitlich begrenzten Beteiligungsverfahren erproben und die Erfahrungen mit ihnen evaluieren“ zu wollen.

Bereits im Juni 2024 hatte die Hamburgische Bürgerschaft ein Zufallsbeteiligungsgesetz verabschiedet, das die sogenannte „dialogische Beteiligung“ definiert. Danach dient diese dazu „Interessen und Lösungsansätze aus der Bevölkerung zu einem konkreten Thema oder Vorhaben zu ermitteln“. Zudem erlaubt das Gesetz den Hamburger Behörden, Einwohnermeldedaten für die Auslosung von Bürgerrat-Mitgliedern zu nutzen.

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